Allianztheorie des Neorealismus

1. Einleitung

Das vorliegende Paper greift die Thematik der 4. Sitzung des Seminars „Aktuelle Probleme der Sicherheitspolitik“ auf und setzt sich in diesem Rahmen mit der Allianztheorie des Neorealismus auseinander.

Das Paper ist in zwei Themenschwerpunkte gegliedert. Als Erstes werden die theoretischen Grundlagen des Neorealismus mit den daraus resultierenden Kooperationshindernissen und –chancen dargelegt. Als Zweites folgt die Betrachtung von Balancing- und Bandwagoning-Allianzen nach Walt, welche abschließend einer fundierten Kritik unterzogen werden.

2. Der theoretische Rahmen: Der Neorealismus

Als Theorie der internationalen Beziehungen sieht der Neorealismus Staaten als homogene und rationale Akteure an, welche in einem formal anarchisch strukturierten internationalen System stets nach ihrem physischen Überleben und relativen Gewinnen gegenüber potentiellen Rivalen streben.

Ausgehend von einer Umwelt der formalen Anarchie bestreitet der Neorealismus die Existenz einer Ordnungsmacht, welche verbindliche Rechtsordnungen für das Verhalten von Staaten vorgeben, die Einhaltung dieser Normen überwachen und Streitigkeiten zwischen Staaten beilegen könnte. Infolge der entstandenen Unsicherheit im internationalen Staatensystem sehen sich Akteure stets dem potentiellen Expansionsstreben von Nachbarn ausgesetzt, so dass der Sicherheitsbegriff nach der neorealistischen Denkschule primär auf  die Wahrung der territorialen Integrität eines Staates bezogen wird. Im Rahmen des Sicherheitsstrebens versuchen Akteure ihrer nationalen Sicherheit Rechnung zu tragen. Doch der einhergehende Ausbau der eigenen relativen Position im internationalen System stimmt potentielle Rivalen misstrauisch. Im Gegenzug versuchen diese ebenfalls Macht zu akkumulieren, um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. Hieraus ergibt sich für Staaten das Sicherheitsdilemma.[1]

2.1 Kooperationshindernisse und –chancen im Neorealismus

Zusammenfassend beschreibt Mearsheimer den Neorealismus pointiert wie folgt: „The international system is portrayed as a brutal arena where states look for opportunities to take advantage of each other, and therefore have little reason to trust each other“.[2] Vor dem Hintergrund der aufgeführten theoretischen Grundannahmen scheinen die Kooperationshindernisse zu überwiegen: Aus dem Sicherheitsdilemma ergibt sich für Staaten zunächst nie die Gewähr, dass sich ihre Vertragspartner an getroffene Vereinbarungen halten. Auch können einzelne Staaten durch die Zusammenarbeit einen größeren Machtzuwachs verzeichnen als ihre Bündnispartner. Die einhergehende aufgewertete Position im internationalen System kann sich für schwächere Bündnispartner als künftige Bedrohung herausstellen. Staaten befinden sich demzufolge nach neorealistischem Verständnis in einem Selbsthilfesystem, in dem sie sich nur auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen können. Dennoch identifiziert der Neorealismus auch in dieser Situation eingeschränkte Kooperationsanreize.[3]

Die Zusammenarbeit ist für einen Akteur dann denkbar, wenn „er in einer spezifischen Bedrohungssituation nicht in der Lage ist, seine nationale Sicherheit aus eigener Kraft zu gewährleisten.“[4] In diesem Fall schließen sich Staaten in Allianzen zusammen, welche so lange aufrecht erhalten werden, wie auch die externe Bedrohung präsent ist. Allianzen werden gemäß Walt als „formal or informal arrangement for security cooperation between two or more sovereign states“[5] definiert. Aber auch die temporäre Zusammenarbeit in einer militärischen Allianz ist für die beteiligten Staaten nicht unproblematisch. Akteure schränken im Rahmen der Allianzbildung einerseits ihre Handlungsfreiheit ein und werden andererseits mit dem allianzinternen Sicherheitsdilemma konfrontiert. Einerseits können sie in einem ausschlaggebenden Moment von ihren Bündnispartnern im Stich gelassen werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass Staaten von ihren Bündnispartnern in ungewollte militärische Konflikte verwickelt werden.

3. Balancing und Bandwagoning nach Walt

Entscheiden sich Staaten einmal für die Allianzbildung, stehen ihnen gemäß Walt zwei verschiedene Formen der Kooperation offen: das Balancing und das Bandwagoning.[6] Das Balancing greift die neorealistische „Balance of Power“- Theorie auf und ist daher für Staaten nach Ansicht von Walt besonders attraktiv. Erstens stellt sich eine Balance zwischen der Allianz und der externen Bedrohung ein. Weiterhin herrscht eine Balance zwischen den Vertragsstaaten. Zweitens führt Walt zu Gunsten des Balancing an, dass der Einfluss einzelner Staaten auf das Bündnis aufgrund der gleichverteilten Kapazitäten der Bündnispartner relativ hoch ausfalle.[7] Neben dem Balancing besteht für Staaten auch die Möglichkeit im Rahmen des Bandwagonings mit der dominierenden Macht zu kooperieren. Für das Bandwagoning zeigen sich nach Walt vor allem zwei Gründe von herausragender Bedeutung. Erstens entspricht eine Kooperation mit einem aggressiven Hegemon einer Appeasement-Strategie, um einem unausweichlichen Angriff zuvorzukommen und sich auf die Seite der dominanten Macht zu stellen. Zweitens könnten sich Staaten der dominanten Seite aus opportunistischem Kalkül anschließen, um Gewinne zu erzielen.[8] Insgesamt gesehen geht Walt davon aus, dass sich Staaten in Balancing-Allianzen organisieren.[9]

3.1 Kritik an Walts Konzept

Walts Annahmen beruhen auf der Hypothese, dass sich Akteure im Rahmen des Sicherheitsstrebens in Allianzen organisieren. Das übereinstimmende Motiv aller beteiligten Akteure  bestünde darin, die eigene Sicherheit angesichts der Bedrohung eines Hegemons zu maximieren.[10] Folgerichtig sieht Walt das Balancing als Chance an, sich mit gleichstarken Partnern gegen die Bedrohung zu wenden. Demgegenüber stellt das Bandwagoning primär die Option dar, sich dem aggressiven Hegemon anzuschließen bevor dieser seine offensiven Absichten in die Tat umsetzt.

An dieser Stelle weist die neorealistische Allianztheorie jedoch nach Ansicht Schwellers einen entscheidenden Schwachpunkt auf. Der Neorealismus betrachtet ausschließlich mit dem Status quo zufriedene Staaten, welche vorrangig um die Sicherheit ihrer Besitztümer besorgt sind, mögliche Verluste fürchten und somit nach größerer Sicherheit vor Bedrohungen streben.[11] Die Perspektive des Status quo bias verkennt jedoch, dass nicht alle Staaten im internationalen System über kongruente Präferenzen verfügen, den Status quo nicht zwangsläufig präferieren und Sicherheit nicht das übergeordnete Ziel aller Akteure darstellen muss.[12] Vor diesem Hintergrund führt Schweller revisionistische, mit dem Status quo unzufriedene Staaten an, welche zwar ihre Besitztümer würdigen, potentiellem Machtzuwachs im internationalen System jedoch einen höheren Stellenwert einräumen.[13] Diese Akteure  tendieren nach klassisch realistischem Verständnis zu Bandwagoning-Verhalten, um als Mitläufer  mit geringem Aufwand einen Machtzuwachs an der Seite des Hegemons zu erzielen.[14] Schweller unterscheidet mittels Metaphern zwischen zwei revisionistischen Akteuren. Der Schakal-Staat verteidigt seine Besitztümer notfalls mit hohem Einsatz und strebt mit einem noch stärkeren Engagement nach Machtausdehnung und Einfluss. Ein Wolf-Staat nimmt hingegen  ähnlich wie ein unheilbar kranker Patient sehr hohe Risiken in der Hoffnung auf sich, seinen aktuellen Status deutlich zu verbessern.[15]

Für die Verwirklichung dieser Ziele stehen den idealisierten Akteuren zwei Formen des Bandwagoning offen. Der wesentliche Unterschied liegt im Zeitpunkt der Bündnisbildung. Bandwagoning-Bündnisse  mit noch ungewissem Konfliktausgang bezeichnet Schweller als Schakal-Bandwagoning während er Bandwagoning-Bündnisse mit annähernd gewissem Konfliktausgang als „piling on“-Verhalten definiert.[16]

Grundlegend für beide Formen ist der Zusammenschluss mit einem Hegemon, welcher schwächere Partner an erzielten Gewinnen partizipieren lässt, im Gegenzug aufgrund seiner dominanten Position wenig Unterstützung fordert und letztlich ein free riding ermöglicht.[17] Aus Sicht des Hegemons divergieren die Gründe für die Integration des Schakals bzw. des Wolfes in ein Bandwagoning-Bündnis. Exemplarisch präferiert ein Hegemon einen  nach Einfluss strebenden schwächeren free rider im Rahmen des Bandwagoning gegenüber einem Staat, der sich einer Balancing-Allianz anschließt und mit seinen Fähigkeiten möglicherweise eine Imbalance of Power zu Lasten des Hegemons herstellt.[18].

Insgesamt gesehen zeigte Schweller auf, dass die Beweggründe für Balancing und Bandwagoning gemäß unterschiedlicher Präferenzen der Akteure divergieren. Weiterhin kritisierte er, dass sich das Bandwagoning nach Walts Konzept der faktischen Kapitulation eines Staates annähere und der opportunistische Charakter des Bandwagoning nur unzureichend betrachtet werde. Vor diesem Hintergrund untersuchte Schweller den opportunistischen Aspekt des Bandwagoning, identifizierte unterschiedliche, vom Bandwagoning angezogene Akteure und beschrieb zwei mögliche Formen des zeitlichen Beitritts zu einem Bandwagoning-Bündnis. Abschließend vertritt Schweller im Gegensatz zu Walt die Auffassung, dass Bandwagoning-Verhalten häufiger als Balancing-Verhalten auftrete.

4. Literaturverzeichnis

Kolodziej, Edward A. (2005): Security and International Relations, Cambridge University Press, Cambridge

Krell, Gert (2003): Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorien der internationalen Beziehungen, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden

Mearsheimer, John J. (1994): The false Promise of International Institutions, International Security, Vol. 19 No. 3 pp. 5-49

Schörning, Niklas (2003): Der Neorealismus, In: Schiedler, Siegfried und Spindler, Mauela (Hrsg.) 2003: Theorien der internationalen Beziehungen, Leske und Budrich, Opladen, Seite 65-93

Schweller, Randall L. (1994): Bandwagoning for Profit: Bringing the Revisionist State Back In, International Security, Vol. 19, No. 1 pp.72-107

Theiler, Olaf (2003): Die NATO im Umbruch, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden

Walt, Stephan M. (1985): Alliance Formation and the Balance of World Power, International Security, Vol. 9, No. 4 pp. 3-43

Walt, Stephan M. (1990): Origins of Alliances, New York, Cornell University Press


[1] Vgl. Schörning (2003) S. 66f, Theiler (2003) S. 17ff, Kolodziej (2005) S. 135ff

[2] Mearsheimer (1994) S. 9

[3] Vgl. Krell (2003) S. 139, Theiler (2003) S. 22

[4] Theiler (2003) S. 21

[5] Walt (1990) S. 12

[6] Vgl. Walt (1985) S. 4

[7] Vgl. Walt (1985) S. 5f

[8] Vgl. Walt (1985) S. 6ff

[9] Vgl. Walt (1985) S. 33

[10] Vgl. Schweller (1994) S. 74 und 79

[11] Vgl. Schweller (1994) S. 74

[12] Ebd.

[13] Vgl. Schweller (1994) S. 88

[14] Vgl. Schweller (1994) S. 88f

[15] Vgl. Schweller (1994) S. 103f

[16] Vgl. Schweller (1994) S. 95

[17] Vgl. Schweller (1994) S. 93f

[18] Vgl. Schweller (1994) S. 94

20.11.09, TG

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