Offense-Defense-Balance und das Sicherheitsdilemma

1. Einführung

Die Entstehung internationaler Konflikte steht seit jeher im Mittelpunkt der internationalen Beziehungen. Vor allem im Bereich der Sicherheitspolitik haben sich Autoren verschiedenster theoretischer Richtungen hiermit auseinandergesetzt. Besonderen Anteil an der wissenschaftlichen Debatte leisten Wissenschaftler der Realistischen Schule.[1] Robert Jervis entwickelte mit der Offense-Defense Balanceeine Theorie, die sich dem Mächtegleichgewicht während des Kalten Krieges analytisch nähert und erklären kann, weshalb dieser Konflikt nicht eskalierte. Weiterhin beansprucht diese Theorie für sich aufzeigen zu können, wie schwierig es damals wie heute war und ist, defensives und offensives Verhalten voneinander unterschieden zu können.

2. Offense-Defense Balance Theorie

Die bipolare Welt des Kalten Krieges lässt sich gut anhand der Offense-Defense Balance darstellen und erläutern; wobei der spieltheoretische Ansatz in Form des Sicherheitsdilemmas dabei von besonderer Bedeutung ist. Hierbei werden Staaten bei Sicherheitsbedenken in Konflikte und im schlimmsten Fall sogar in Kriege getrieben[2]. Status-Quo Staaten sehen sich dadurch eventuell Situationen ausgesetzt, in denen es am besten für sie wäre Aggressor anstatt Verbündeter zu sein. Hierbei unterscheidet man grundsätzlich defensives und offensives Verhalten. Die Anreize hierzu werden zum Teil auch von geographischen und technologischen Faktoren beeinflusst.[3] Am besten kann man das Sicherheitsdilemma anhand des Wettrüstens während des Kalten Krieges zwischen der UdSSR und den USA verdeutlichen.

Es können durchaus auch Situationen eintreten in denen unbegründet Unsicherheit aufgrund von Fehleinschätzungen unter den Staaten entsteht: Die Stationierung von Truppen in grenznahem Territorium kann von einem Staat durchaus als defensives Verhalten gemeint sein, vom anderen, grenzteilenden Staat allerdings als offensives Verhalten interpretiert werden. Mindestens ein ausgeglichenes Verhältnis von Anreizen zu offensivem und defensivem Verhalten kann dafür sorgen, dass Staaten friedlich koexistieren und kooperieren.

Im Grunde genommen kann defensives Verhalten zweier Status-Quo Staaten als solch eine Haltung dargestellt werden, bei der es den Staaten mehr Vorzüge erbringt, wenn sie untereinander vertrauen und kooperieren. Dies kann in Form von Bündnissen oder auch gegenseitigen Verträgen erreicht werden. Vorteilig für beide Status-Quo Staaten ist hierbei, dass der Ausbau der Defensive im Verhältnis den eigenen Staat mehr stärkt als sie den anderen Staat in seiner Macht beschränkt. Die Unsicherheit der Staaten untereinander besteht jedoch weiterhin. Konflikte können somit zwar entstehen, Kriege sind aber so gut wie auszuschließen.

Offensives Verhalten charakterisiert sich hingegen dadurch, dass ein Staat mehr Anreize darin sieht einen anderen anzugreifen als sich defensiv zu verhalten. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass er einem Verteidigungskrieg auf eigenen Boden nicht gewachsen ist. Da es im Interesse eines jeden im Realismus agierenden Staates ist seine Macht auszubauen, ergibt sich bei offensivem Verhalten ein sehr hohes Konfliktpotential. Der Machtzuwachs eines Staates bedroht den anderen und erhöht die Gefahr, dass Konflikte unter Umständen in Kriegen enden.

Die Unterscheidung zwischen defensivem und offensivem Verhalten darf in diesem Kontext nicht unterschätzt werden. Immerhin gibt es auch in der Wissenschaft zwiegespaltene Positionen zu der Haltung der NATO im internationalen System. Besonders im Bezug auf internationale Krisenprävention stellt sich stets die Frage, ob das Engagement der NATO-Truppen eher als defensives oder offensives Verhalten gedeutet werden kann. Problematisch und umstritten ist in diesem Zusammenhang vor allem der Einsatz von Technologie.[4] Sie kann zwar auf der einen Seite zu Verteidigung gegen äußere Bedrohungen, auf der anderen Seite allerdings auch für kriegerische Offensiven seitens eines Staates benutzt werden.

Um seine Theorie der Offense-Defense Balance zweier Staaten darzustellen entwickelte Robert Jervis eine Tabelle der vier Welten. Die vier Welten sind wie das Sicherheitsdilemma ebenfalls ordinal angeordnet. Die erste Welt ist die gefährlichste für beide Staaten. Hier überwiegen die Anreize für eine offensive Haltung: getreu dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung. Weiterhin sind offensive und defensive Haltung nicht voneinander zu unterscheiden. Jeder der beiden Staaten wird enorme Sicherheitsbedenken hegen. Deshalb  spricht man dem Sicherheitsdilemma in dieser Welt einen hohen Stellenwert zu. Somit stellt diese Welt die schlechteste für zwei Staaten dar.

In der zweiten und dritten Welt nimmt vor allem der Einfluss des Sicherheitsdilemmas ab.

Zwar kann auch in der zweiten Welt nicht zwischen defensivem und offensivem Verhalten unterschieden werden, allerdings ist eine defensive Haltung vorteilhaft, was sich zu Gunsten der Stabilität auswirkt. In der dritten Welt können die Staaten das Verhalten als offensiv oder defensiv deuten, jedoch hat eine offensive Haltung mehr Anreize für die Status-Quo Staaten und deren Machtakkumulation. Das Sicherheitsdilemma hat hier kaum bis keinen Einfluss mehr auf die Beziehung der Staaten zueinander. Durch den Vorteil der Offensive herrscht allerdings ein angespanntes Verhältnis zwischen ihnen. Letztlich sorgen in dieser Welt vor allem Fehleinschätzungen von Situationen dafür, dass Konflikte entstehen und ausarten können.

Die vierte Welt stellt die stabilste Konstellation dar. Hier ist defensives Verhalten vorzugswürdig und die Staaten können zwischen offensiver und defensiver Haltung unterscheiden. Dies hat zum Effekt, dass das Sicherheitsdilemma komplett an Einfluss verliert und die Staaten ihre Kooperation ausbauen können.

3. Fazit

Zur Bestätigung der Offense-Defense Balance Theorie scheint der Kalte Krieg wie maßgeschneidert. Nur die Balance zwischen offensiven und defensiven Anreizen bewahrte die Atommächte vor einem nuklearen Krieg. Weiterhin suggeriert die Theorie, dass Kooperation dann so gut wie unmöglich ist, je mehr Einfluss das Sicherheitsdilemma hat. Anhand des Kalten Krieges wird dementsprechend auch wieder klar, wie plausibel und berechtigt diese Annahme ist.

So plausibel Robert Jervis‘ Theorie für den Realismus erscheinen mag, so unglücklich ist die nicht mögliche Unterscheidung zwischen defensivem und offensivem Verhalten. Die Offense-Defense Balance Theorie kann zwar sehr gut auf die Machtkonstellation des Kalten Krieges angewandt werden, verliert aber ihren Einfluss unter Berücksichtigung besser passender und klarer abgrenzender Theorien. Es ist eben diese meinungsabhängige Unterscheidung, ob ein bestimmtes Verhalten defensiv oder offensiv zu kategorisieren ist, die dieser Theorie zum Verhängnis wird. Es ist stets der individuelle Standpunkt, der für die Interpretation eines Verhaltens ausschlaggebend ist. Der Theorie entsprechend könnte jedes Verhalten entweder defensiv oder offensiv kategorisiert werden. Alleine die Tatsache, dass heutzutage offensive Kriege mit defensivem Hintergrund geführt werden, wird von der Theorie nicht berücksichtigt; ein weiteres Indiz für eine fehlende zeitgemäße Anwendbarkeit.

Literaturangaben:

ARENDT, Hannah (2007): „Macht und Gewalt“, München und Zürich: Piper Verlag.

HERZ, John H. (1974): „Idealistischer Internationalismus und das  Sicherheitsdilemma“, in: John H. Herz (Hrsg.), Staatenwelt und Weltpolitik: Aufsätze zur internationalen Politik im Nuklearzeitalter, Hamburg: Hoffmann und Campe; S.39-56.

JACOBS, Andreas (2003): „ Realismus“, in: Schieder, Siegfried und Manuela Spindler (Hrsg.), Theorien der Internationalen Beziehungen, Stuttgart: UTB ; S.35-59.

JERVIS, Robert. “Cooperation Under the Security Dilemma.” World Politics 30, no. 2 (1978): 167-214. [S. 168-170 + 186-Ende]


[1] Im Realismus treten Staaten als uniforme Akteure auf, die nach Macht streben müssen um im internationalen anarchischen System bestehen zu können. Es sind diese anthropologischen Eigenschaften (nach Thomas Hobbes „Leviathan“) der Staaten, die das internationale System so machtzentriert gestalten.

[2] Hierbei werden den verschiedenen Verhaltensweisen ordinale Zahlen zugeordnet: 4 für das beste und 1 für das schlechteste Ergebnis.

[3] Geographische Pufferzonen wie Ozeane oder weite, offene Flächen die potentielle Angriffe unwahrscheinlich machen. Sie wäre mit zu großen Verlusten auf Seiten des Aggressors verbunden.

[4] Da sich der Realismus (anders als der Neorealismus) auf die Akkumulierung von Macht, vor allem aber militärischer Macht, konzentriert, ist dies auch hier Usus. Deshalb spricht man von militärischer Technologie.

13.11.09, SR

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