Zusammenfassung zur Unipolarität

I. Ausgangslage

Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes, und damit verbunden der bipolaren Weltordnung, stellt sich die Frage, wie sich fortgesetzte Kooperation und Ausbleiben der alten Balance-of-Power-Politik erklären lassen.

Klassischerweise gilt die Unipolarität im Neorealismus als die instabilste Form internationaler Ordnung, folglich sagte dieser nach dem Ende der Blockkonfrontation eine Rückkehr zum multipolaren System voraus.

Zwanzig Jahre später scheint sich allerdings an der hegemonialen Stellung der USA wenig geändert zu haben.

II. Unipolarität als stabile und dauerhafte Ordnung

Die so genannten Primacists vertreten die Auffassung, dass die unipolare Weltordnung entgegen den Annahmen des Neorealismus stabil sei. Mehr noch, sie betonen die Vorteile dieser Weltordnung und plädieren dafür, diese auch aktiv zu verteidigen.

Unipolarität wird dabei definiert als „a structure in which one state’s capabilities are too great to be counterbalanced.“ (Wohlforth 1999:9). Für den Autor ist ein Staat dann eine polare Macht, wenn diese „score[s] well on all the components of power“ (Ebd., Hervorhebung im Original).

Wohlforth führt für die stabile Natur der gegenwärtigen Weltordnung drei Gründe an:

1. Den enormen Vorsprung der USA in allen materiellen Machtbereichen

  • Andere Staaten versuchten gar nicht erst, dieses Machtgefälle zu überbrü-cken, da die Kosten zu hoch und die Chancen, aufschließen zu können, zu gering seien.
  • Die Überlegenheit der USA sei symmetrisch, also auf allen Feldern gegeben (in Abgrenzung etwa zum britischen Imperium), und habe sich nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes nur noch vergrößert.

2. Friedensgeneigtheit der Unipolarität

  • Die Begründung beruht zum einen auf der Theorie hegemonialer Stabilität. Dieser folgend argumentiert Wohlforth, schafften die USA eine stabile und friedliche Ordnung. Weiterhin gäbe es keinen potentiellen Konkurrenten, der sich anschicken könnte, die USA von ihrer überlegenen Position zu vertreiben.
  • Der zweite Begründungsstrang hier beruft sich auf die Balance-of-Power-Theorie. Wenn dieser zufolge eine bipolare Ordnung stabiler sei als eine multipolare, da sie Unsicherheit reduziere, bedeute dies im Umkehrschluss, dass die noch eindeutigere Struktur der Unipolarität folglich noch friedlicher sei. Sie ließe Mächten zweiter Klasse nur zwei Optionen: Bandwagoning oder Passivität, um nicht den Zorn des Hegemon zu erregen.
  • Wohlforth fasst zusammen: „Overall, then, unipolarity generates comparatively few initiatives for security or prestige competitions among great powers“ (S. 25). Damit ist gleichzeitig eine Einschränkung verbunden: Die Friedensgeneigtheit der unipolaren Struktur verhindere nicht alle Kriege, sondern wirke vorrangig unter den größeren Mächten.

3. Dauerhaftigkeit der unipolaren Weltordnung

  • Diese wird einerseits mit der schon erwähnten überlegenen Machtposition der USA begründet.
  • Ein weiterer Grund ist für Wohlforth die Geographie.

Die USA stellten eine Offshore-Macht dar, das heißt, sie grenzten nicht direkt an andere Staaten (Kanada und Mexiko werden als enge Freunde nicht weiter berücksichtigt). Balancing sei keine kosten- und friktionslose Angelegenheit. Machtzugewinne potentieller Balancer verschärften zunächst in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das Sicherheitsdilemma und würden dort wiederum Balancing auslösen, lange bevor für die USA eine Bedrohung entstünde.

Daneben könne der Hegemon unabhängiger agieren als eine Allianz, die gegen ihn geschlossen worden sei, und habe nicht mit den üblichen Koordinationsproblemen zu kämpfen.

Zu diesen Aspekten treten bei zahlreichen Primacists immaterielle Faktoren hinzu. Von besonderer Bedeutung ist hier das Verständnis der USA als „benevolent hegemon“, den andere Staaten nicht zu fürchten hätten. Neben der Natur der USA als liberale Demokratie (ein im Grunde der liberalen Theorie zugehöriges Argument, wie Christopher Layne kritisiert), trete, dass der wohlwollende Hegemon eine Reihe wichtiger Güter zur Verfügung stünde, von denen andere Nationen ebenso profitierten (etwa sichere Seewege).

Der „Balance-of-Threat“-Variante des Neorealismus folgend bestünde also kein Anreiz, Balancing zu betreiben. (Anm.: Walt/Mearsheimer, zwei führende Vertreter dieser Variante, betonen daher auch, dass die USA, um keine negative Reaktion hervorzurufen, zurückhaltend und multilateral agieren sollten.)

Diese Gedanken fanden in der Politik der so genannten „Neocons“, aber auch anderer Angehöriger der ersten Bush-Regierung (etwa Donald Rumsfeld), großen Wiederhall (siehe weiterführende Literatur).

III. Kritik an den Primacists

Unser Augenmerk liegt auf der Kritik Christopher Laynes an den Argumenten der Primacists.

Zunächst räumt dieser aber ein, dass die Balance-of-Power-Theorie in ihrer Vorhersage eines raschen Überganges von der uni- zur multipolaren Weltordnung drei wesentliche Faktoren verkannt hätten.

  • Sie erkannten nicht, dass Amerikas Macht nicht nur Druck ausüben konnte, Balancing zu betreiben, sondern auch, eine Bandwagoningstrategie zu verfolgen.
  • Sie unterschätzen die geopolitische Landschaft nach dem Niedergang der Sowjetunion, es gab keine geeigneten Balancingmächte.
  • Sie berücksichtigten nicht, dass Balancing gegen einen etablierten Hegemon schwieriger sei als gegen einen aufstrebenden Staat.

Layne definiert Hegemonie anhand verschiedener Bedingungen, die erfüllt sein müssten:

  • Machtüberlegenheit
  • Ambition, eigene Interessen mit dieser Machtüberlegenheit durchzusetzen
  • Klare Unipolarität des Internationalen Systems
  • Willen seitens des Hegemons, dieses System zu verändern, ihm eine neue Ordnung überzustülpen
  • Und schließlich strukturelle Veränderungen im System, einen Übergang von der Anarchie zur Hierarchie (in einem relativen Rahmen, nicht in der ganzen Welt).

Er weist, auch unter dem Eindruck des Guerillakrieges im Irak, darauf hin, dass auch ein Hegemon nicht allmächtig sei („the enemy has a vote“, S. 12). An der grundsätzlich hegemonialen Stellung der USA hat auch er keine Zweifel, zieht daraus aber andere Schlüsse.

Balancing ist für Layne weiter gefasst als für die Primacists. Während diese (wie die Literatur insgesamt) nur „Hard Balancing“ in Betracht zögen, sieht er die Notwendigkeit, das Konzept zu überdenken. Wegen des enormen Machtgefälles sei es für andere Staaten schwer, wenn nicht gar gefährlich, Hard Balancing zu betreiben. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, Balancing–Strategien zu finden, die eine direkte Konfrontation vermieden.

„Fundamentally, balancing is a countervailing strategy“ (Layne 2006:28), diese erweitert der Autor um drei weitere Varianten.

„Soft Balancing“ stellt für ihn eine Alternative zu dem klassischen Hard Balancing dar, die vor allem zum Einsatz komme, wenn zwar keine existentielle Bedrohung vorliege, aber dennoch eine Einhegung angestrebt werde. Mittel hierzu seien Diplomatie, Institutionen und Völkerrecht. (Anm.: Diese Sichtweise wurde z.B. auch von neokonservativer Seite geteilt, etwa mit Blick auf den Internationalen Strafgerichtshof, IStGH. Das hier verwendete Bild war das Gullivers, der von den Bewohnern Lilliputs niedergebunden wurde.)

„Economic Prebalancing“ sei eine Vorform des harten Balancings und habe das Ziel, zunächst das wirtschaftliche und technologische Gefälle zwischen den USA und dem „Prebalancer“ zu verringern, anstatt sich auf einen aussichtslosen Rüstungswettlauf einzulassen.

„Leash Slipping“ umschreibt den Ausbau eigener Fähigkeiten, um sich aus dem Griff des Hegemons lösen und eine eigenständiger Außen- und Sicherheitspolitik verfolgen zu können. Beweggrund ist auch hier nicht die Furcht vor einem Angriff durch den Hegemon (das Verhalten ist weder gegen diesen, noch einen anderen Staat gerichtet), die erworbenen Fähigkeiten können aber freilich auch in dem Falle für Balancing zur Anwendung kommen, dass sich das Verhältnis zwischen den Staaten verschlechtert. Ein Bespiel hierfür ist für Layne die ESVP.

Dass diese Formen des Balancing auf Unit-Ebene bislang zu keiner neuen Machtkonstellation auf der Systemebene geführt haben, sei kein Grund, diese zu vernachlässigen. Intentionen der Akteure und Ergebnisse im System seien zweierlei Dinge, die voneinander getrennt zu betrachten seien.

Layne kritisiert weiterhin die Balance-of-Threat-Argumentation, denn angesichts der Machtüberlegenheit könne ein Fehler in der Bedrohungsanalyse fatale Folgen haben. Für andere Staaten seien daher nicht die Absichten der USA, sondern nur deren Macht für die Lagebeurteilung relevant. Das „Wohlwollen“ des Hegemons wirke daher nicht versichernd.

Auch die demokratische Natur der USA ist für Layne kein Argument gegen Balancing-Strategien durch andere Mächte, das er mit einer grundsätzlichen Kritik an der Idee des demokratischen Friedens (s. nächste Woche) und dem Verweis auf die subjektive und umstrittene Natur des Begriffs der Demokratie zu widerlegen sucht.

Schließlich ist für Layne auch die Offshore-Position der USA kein plausibles Argument, diese ist für ihn „manifestly not the case“ (S. 22). Das weltweite Basennetzwerk und die einzigartige Fähigkeit zur Machtprojektion negierten die „stopping power of water“ (der Begriff stammt von Mearsheimer und wird auf S. 12, FN 20, zitiert).

Aus all diesen Gründen hält er die unipolare Weltordnung für eine vorübergehende Erscheinung, die nicht so lange Bestand haben wird, wie es die Primacists vermuten. Maßnahmen zur Festigung/Stützung dieser lehnt er daher ebenfalls ab.

Anmerkungen:

Laynes Artikel ist nicht nur aus IB-theoretischer Sicht interessant. Layne vertritt eine außenpolitische Grundhaltung, die Walter Russell Mead in Special Providence (New York: Routledge 2002) als „Jeffersonianism“ beschreibt. Der Text ist daher auch ein gutes Beispiel dafür, wie die eigene Weltsicht wissenschaftliche Arbeit beeinflussen kann, ein wenig Hintergrundrecherche zu den Autoren empfiehlt sich daher immer!

Primacists in Reinkultur sind die bereits erwähnten Neokonservativen, die zwar massiv an Einfluss verloren haben, deren Denken aber keineswegs komplett im Orkus der Geschichte verschwunden ist. Einen guten Überblick hierzu bietet Ihnen Dorrien, Gary. Imperial Designs. Neoconservatism and the New Pax Americana. New York: Routledge, 2004. Wenn Sie einen unmittelbaren Einblick in die Ideenwelt des Neokonservativismus (der bei weitem keine homogene Strömung ist!) haben wollen, lesen Sie Charles Krauthammer, Max Boot, Robert Kagan und William Kristol. George W. Bush gab zudem an, maßgeblich von Nathan Sharansky beeinflusst worden zu sein, dessen Buch The Case for Democracy (New York: Public Affairs, 2004) er in der Öffentlichkeit demonstrativ präsentierte.

Verwendete Literatur:

Layne, Christopher. “The Unipolar Illusion Revisited: The Coming End of the United States‘ Unipolar Moment.” International Security 31, no. 2 (2006): 7-41.

Wohlforth, William C. “The Stability of a Unipolar World.” International Security 24, no. 1 (1999): 5-41.

Weiterführende Literatur:

Dorrien, Gary. Imperial Designs. Neoconservatism and the New Pax Americana. New York: Routledge, 2004.

Krauthammer, Charles. “The Unipolar Moment.” Foreign Affairs 70, no. 1 (1991): 23-33.

Mead, Walter Russell. Special Providence. American Foreign Policy and How it Changed the World. New York: Routledge, 2002.

Sharansky, Natan. The Case for Democracy. The Power of Freedom to Overcome Tyranny and Terror. New York: PublicAffairs, 2004.

20.11.09, TCHe

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