Frieden durch Interdependenz

1. Definitionen des Begriffes der Interdependenz und dessen Differenzierungen

Der Begriff Interdependenz bedeutet wechselseitige Abhängigkeit. Der Begriff wird sowohl weit als auch eng gefasst. Erstere umfasst alle Funktionen eines Staates, die zweite nur die zentralen Funktionen eines Staates, wie z.B. die Sicherheitspolitik.

Interdependenz wird noch weiter differenziert. Staaten werden als interdependenzempfindlich bezeichnet, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen in mindestens zwei Ländern ähnlich sind, z.B. wenn eine Inflation in Frankreich sofort Druck auf deutsche Preise ausübt.

Interdependenzverwundbarkeit von Staaten liegt immer dann vor, wenn der Abbruch der Handelsbeziehungen zwischen Staaten sehr kostspielig und somit nachteilig wäre. Ein klassisches Beispiel ist die Beziehung der OPEC- und der OECD-Staaten. Die OPEC-Staaten liefern Öl, die OECD-Staaten wiederum Industrieprodukte. Es ist allerdings fraglich, ob dies in der heutigen Zeit noch ein passendes Beispiel ist, da die OECD-Staaten Versuche unternehmen Öl auch aus anderen Staaten zu erhalten.

An diesem Beispiel festhaltend, kann man auf die anderen beiden Begriffe überleiten. Symmetrische Interdependenz liegt dann vor, wenn die Abhängigkeit der beteiligten Staaten in etwa gleich ist, asymmetrischen Interdependenz, wenn ein Staat mehr auf Kooperation angewiesen als der andere. In diesem Fall entwickelt sich die Beziehung der OPEC-Staaten zu den OECD-Staaten immer mehr zu einer asymmetrischen Interdependenz, da die OPEC-Staaten Konkurrenz aus anderen Ländern fürchten müssen und die OECD- Staaten Vorteile haben.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit von Interdependenz zwischen Staaten ist, lässt sich an drei Stufen messen, Autarkie, Autonomie und Dependenz. Ist ein Staat autark, kann er seine zentralen Aufgaben wirksam und effizient erfüllen. Ein autonomer Staat kann seine zentralen Aufgaben zwar wirksam erfüllen, hat dabei aber Effizienzeinbußen. Im Gegensatz dazu, ist ein dependenter Staat auf zwischenstaatliche Kooperation unbedingt angewiesen, da er seine zentralen Aufgaben nicht wirksam erfüllen kann.

2. Die Bedeutung der Interdependenz im Institutionalismus und im Demokratischen Frieden

Interdependenz fand vor allem Eingang in die Theorien des Institutionalismus und des Demokratischen Friedens.

Der Institutionalismus entwickelte sich in den 1970 bis 1980er Jahren, insbesondere in der Ölkrise. Sie zeigte die Folgen der Interdependenz auf. Im Institutionalismus ist Interdependenz neben der Anarchie ein Strukturmerkmal der internationalen Beziehungen. Die Theoretiker gehen davon aus, dass kein Staat mehr autark sein kann. Dafür verantwortlich ist eine Vielzahl neuer Probleme (z.B. globale Umweltverschmutzung), die mit militärischer Macht nicht mehr zweckmäßig gelöst werden können. Die Bedeutung militärischer Macht schwindet. Statt allgemeiner Machtressourcen (overall power) wird die Position eines Staates in der problemfeldspezifischen Interdependenz (issue-area-power) zunehmend wichtiger. In den internationalen Beziehungen wird deswegen trotz des Vorhandenseins der Anarchie die militärische Sicherheit nicht mehr als vorrangig empfunden und die Staaten können nach absoluten Vorteilen streben. Interdependenz dämpft somit die strukturellen Wirkungen der Anarchie.

Die Theoretiker des Demokratischen Friedens betonen vor allem, dass die Wahrscheinlichkeit von Interdependenz unter Demokratien erheblich höher stabiler ist, als mit nichtdemokratischen Staaten.

3. Liberalistische Argumente

Die zentrale These lautet:

„…a liberal economic order makes a substantial and positive contribution to the maintenance of international security. “ (Mansfield, Pollins 2003: 836)

Anhand dieser These argumentierten die Liberalisten auf verschiedenen Analyseebenen.

Innerstaatliche bzw. zwischenstaatliche Ebene:

  • Militärische Konflikte werden durch materielle Vorteile von Händlern, Konsumenten und Staaten verhindert.

Handel bringe effektive Vorteile, Krieg mache diese zunichte. Somit übten Private Druck auf staatliche Entscheidungsträger aus, die sich dann auf zwischenstaatlicher Ebene um die gewaltfreie Lösung von Konflikten bemühen würden.

  • Steigender Handel als Alternative zu militärischen Eroberungen.

Militärische Eroberungen und Handel seien Mittel, um an neue Ressourcen und Märkte zu kommen. Militärische Eroberungen würden aber höhere Gefahren als Handel beinhalten. Folglich würden Staaten Handel vorziehen.

Zwischenstaatliche Ebene:

  • Steigender Kontakt zwischen privaten und staatlichen Akteuren in verschiedenen Ländern führt zu kooperativen Beziehungen. Konflikte werden gewaltfrei gelöst.

Supranationale Ebene:

  • Internationale Organisationen und Regime, die die Einhaltung von Handelsverträgen kontrollieren, reduzieren Konflikte.

3.1 Der Effekt des Zusammenhangs von Demokratie, wirtschaftlicher Interdependenz und Entwicklung auf die Wahrscheinlichkeit von militärischen Konflikten

Dieser Teil beschäftigt sich vor allem mit den Annahmen Rosecranes, Oneals, Hegres und Mousseaus. Am Schluss wird auf das Fazit im Text „How the wealth of nations conditions the Liberal Peace“ eingegangen, dessen Ergebnisse auf der Basis statistischer Untersuchungen gewonnen wurden.

Wirtschaftliche Entwicklung und Interdependenz:

In diesem Zusammenhang äußerten sich vor allem Rosecrane (1986) und Hegre (2000). Die zentrale These Rosecranes ist, dass die Möglichkeiten für Handel mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Staates steigen und Handel damit zur Alternative militärischer Expansionen wird. Weiterhin nehme der Vorteil eines besetzten Gebietes mit dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung des Besatzungsstaates ab, da eine Kooperation mit der Zivilbevölkerung kaum möglich sei. Der „lateral pressure“, der Drang zu militärischen Eroberungen, nehme ab. Hegre baute auf Rosecrane auf und stellte fest, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne zwischenstaatlichen Handel die Wahrscheinlichkeit militärischer Konflikte nicht senke. Weiterhin bedinge nicht nur Entwicklung Handel sondern auch andersherum.

Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung:

Hier ist besonderes Mousseau zu benennen. Er nahm an, dass entwickelte Staaten miteinander Verträge abschließen würden. Die Einhaltung der Verträge führe zur Entwicklung liberaler Werte und Märkte, die wiederum die Herstellung bzw. Stabilität gemeinsamer Rechtsgrundsätze und demokratischer Regierungen bedinge. Mousseau nimmt also an, dass Demokratischer Frieden nur unter entwickelten Demokratien, die miteinander in wirtschaftlichen Verbindungen stehen, bestehe.

Interdependenz und Demokratie:

Damit beschäftigte sich vor allem Oneal 1996. Interdependenz und Demokratie würden den Gebrauch von militärischer Gewalt beschränken. Interdependenz, weil die Kosten eines Krieges mit der Intensität der Interdependenz immer höher würden, Demokratie wegen der Partizipation der Bürger am politischen Prozess.

Fazit:

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die unter Liberalisten weitverbreitete Ansicht Demokratie, wirtschaftliche Interdependenz und Entwicklung würden sich grundsätzlich gegenseitig bedingen, nur zum Teil richtig ist. Interdependenz sei ein relativ eigenständiger und unabhängiger Faktor. Demokratie und Entwicklung bedingten sich aber gegenseitig. Damit bestätigen sie das Modell Mousseaus. Der Zusammenhang von Interdependenz und Entwicklung sei zwar in einigen Teilen nachweisbar, aber nicht so beständig wie der vorherige. Folglich könnten Rosecranes und Hegres Annahmen nur zum Teil bestätigt werden.

4. Gegenargumente

Die liberalistischen Argumente sorgten in der Folgezeit für Gegenargumente, besonders aus den Reihen des Realismus. Drei Argumenten sind besonders wichtig.

Als erstes Argument wird angesprochen, dass Interdependenz keinen großen Einfluss auf die Sicherheitspolitik von Staaten hat. Einige Theoretiker stellen sogar fest, dass die durch wirtschaftlichen Austausch entstehende Abhängigkeit von Staaten die nationale Sicherheit untergräbt, da sie immer verwundbarer gegenüber anderen Staaten werden. Ein empirisches Beispiel ist die Ölkrise 1972. Sie zeigte deutlich die Abhängigkeit der OECD- Staaten von den OPEC- Staaten und die daraus resultierenden Probleme.

Als zweites Argument wird angeführt, dass erhöhte wirtschaftliche Interdependenz politische Uneinigkeit herstelle, da die Anzahl der Themengebiete auf denen die Staaten kooperieren immer weiter zunimmt. Zeitgleich erhöht sich auch die Anzahl der Streitpunkte und das Konfliktrisiko steigt.

Ein drittes Argument betrifft die asymmetrische Interdependenz. Die Wohlfahrtsvorteile, die durch Interdependenz gewonnen werden, werden nicht proportional auf alle beteiligten Staaten verteilt. In der Folge kommt es zu zwischenstaatlichen Machtbeziehungen, die eine potentielle Quelle militärischer Konflikte sind.

5. Fazit

Die Frage, ob Interdependenz Frieden bedingt, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Die jüngere Literatur steht der Frage aber immer positiver gegenüber. Belegungsversuche erstrecken sich allerdings nicht nur auf die Theorie. Viele Autoren benennen empirische Beispiele. Besonders häufig genannt wird das Beispiel der Europäischen Union, die als Erklärung für den dauerhaften Frieden in Europa seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Hier findet auch Mousseaus Modell Anwendung.

Ob aber Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung wirklich so einen großen Einfluss in Verbindung mit Interdependenz haben, wird die weitere Entwicklung zeigen. Ein Gegenbeispiel ist z.B. China, das mit allen demokratischen Industriestaaten intensiv handelt, obwohl es ein autoritärer Staat ist. Dies stellt den Zusammenhang von Demokratie und wirtschaftlicher Interdependenz in Frage.

Ein wichtiges Argument der Realisten sollte trotzdem nicht vergessen werden. Asymmetrische Interdependenz sorgt für viele Konflikte. Ein Beispiel ist die Beziehung zwischen den Entwicklungsländern und den Industriestaaten. Dies zeigen auch die letzten Handelsrunden der WTO.

6. Quellen:


Zangl, Bernhard and Michael Zürn. Frieden und Krieg. Sicherheit in der nationalen und postnationalen Konstellation. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. Kapitel 4, Der Neoinstitutionalismus in der internationalen Politik

Mansfield, Edward D., and Pollins, Brian M. „The study of Interdependence and Conflict: Recent Advances, Open Questions, and Directions for Future Research.“ Journal of Conflict Resolution 45:6 (2001): 834-59

Mousseau, Michael, Hegre, Havard and Oneal, John R. „How the Wealth of Nations Conditions the Liberal Peace“ European Journal of International Relations 9:2 (2003): 277-314

Schimmelpfennig, Frank. Internationale Politik. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh. 4. Kapitel, Interdependenz und Regime: der Institutionalismus (92-97)

04.12.09, JK

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