Überlegungen zum Film „The Fog Of War“ aus IB-theoretischer Perspektive

Der Film The Fog of War von Regisseur Errol Morris handelt hauptsächlich von den Ereignissen, die sich während Kubakrise und des Vietnamkrieges in der Zeit zwischen 1961 bis 1968 im Weißen Haus und im Pentagon abspielten. Der Film besteht in weiten Teilen aus einem monologartigen Interview des damaligen US Secretary of Defence Robert Strange McNamara,  unterlegt mit originalem Bild und Tonmaterial aus dieser Periode. Die von McNamara in seinem Buch Wilson’s Ghost: Reducing the Risk of Conflict, Killing, and Catastrophe in the 21st Century aufgestellten elf Lehren geben dem Film seine Struktur.[1]

Problematisch erscheint der Freiraum, den der Regisseur McNamara zur Selbst- und Fremdanalyse gibt. Kritische Nachfragen unterbleiben fast völlig, was den Eindruck erwecken könnte, dass hier ein Mann seine nicht ganz weiße Weste am Ende seines Lebens reinzuwaschen versucht. Gleich zu Beginn gesteht McNamara eigene Fehler ein, bleibt dabei jedoch stets allgemein. Die Verantwortung für den Vietnamkrieg reicht er jedoch an den Präsidenten weiter. Dem Film muss zugutegehalten werden, dass er mit Hilfe bestimmter Schnitte im Redefluss des Hauptdarstellers sowie dem bereits erwähnten Originalmaterial versucht, hinter die Maske des Politikers McNamara zu blicken.

McNamaras Ausführungen zur Kubakrise entsprechen in weiten Teilen der neorealistischen Schule; Die eigene Sicherheit steht für Staaten an erster Stelle. Um Sicherheit zu erlangen, benötigt man Macht, und die ultimative Macht sind Atomwaffen. Aber um einer zahlenmäßigen Übermacht an Sprengköpfen entgegenzutreten, wie Sie die USA damals besaßen, und gleichzeitig Kuba zu beschützen, brachte die UdSSR Atomwaffen auf die Insel. Es ist schon erstaunlich, dass, obwohl Fidel Castro danach verlangte, und obwohl General LeMay auf Seiten der USA ebenso die Eskalation vorantrieb, diese schlussendlich ausblieb. LeMay plädierte während der Kubakrise dafür, die aktuelle (atomare) Übermacht der USA zu nutzen und das gerade geöffnete ‚window of opportunity‘ gegenüber der UdSSR nicht verstreichen zu lassen – kurz gesagt, Kuba sollte zerstört werden. Von einem realistischen Standpunkt her ist diese Forderung auch nachvollziehbar, hatten die USA doch die Chance, ihre relative Macht auszuweiten. Eine weitere Eskalation des Konflikts hätte LeMay in Kauf genommen, da man ja die Übermacht hatte. Trotz dieses großen Konfliktpotentials war die eigene Sicherheit (also das verhindern eines Atomkrieges) den Staaten und ihren Führern demnach wichtiger als ein möglicher relativer Machtzuwachs. Dementsprechend unterstreicht die Krise auch die relative Stabilität von bipolaren Systemen im Sinne des Neorealismus, sowie die Wirksamkeit der Abschreckung durch Atomwaffen.

Die Details, die McNamara zum Vietnamkrieg vorbringt, deuten auf den Konstruktivismus als sinnvolles Erklärungsmuster hin. So war die sozial konstruierte Wahrnehmung der USA, dass es sich beim Vietnamkrieg um einen Teil des Kalten Krieges handelte, mit den Nord-Vietnamesen als Erfüllungsgehilfen des sozialistischen Blocks. Der Vietnamkrieg wurde in erster Linie aus der Sorge heraus geführt, dass Vietnam der Auslöser des ‚Domino-Effekts‘ werden könnte, ein zweites China; würde dieses Land dem Sozialismus anheimfallen, so würden andere Staaten wahrscheinlich folgen. Demgegenüber handelte es sich für die Vietnamesen selbst um einen Freiheitskampf bzw. Unabhängigkeitskrieg von den Chinesen, mit einer über 1000-jährigen Tradition. Dieser Unabhängigkeitskampf war dem der Amerikaner nicht unähnlich, und vieleicht hätten diese bei näherer Betrachtung bereits zu Anfang eingesehen, dass es beinahe unmöglich sein würde, diesen Krieg zu gewinnen. Die zwei völlig verschiedenen Wahrnehmungen mündeten darin, dass das von McNamara gepriesene ‚hineinversetzen‘ in den Gegner, das während der Kubakrise noch gut funktioniert hatte, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, weil man von völlig falschen Annahmen ausging.

Andererseits war die Motivation der USA in Bezug auf Vietnam realistisch geprägt. Wie schon erwähnt, sollte ein möglicher Domino-Effekt und ein darin enthaltener relativer Machtzuwachs zugunsten der Sowjetunion verhindert bzw. ins Gegenteil verkehrt werden. Die Gründung der SEATO durch die USA markiert dabei einen frühen Startpunkt. Die neuen Verbündeten in Süd-Ost Asien sollten bei der Stabilisierung der Region mithelfen. Allerdings war dieses Bündnis mangels militärischer Unterstützungspflichten relativ zahnlos. So waren es dann auch nur einzelne Mitglieder wie Australien und Südkorea, die Truppen nach Vietnam schickten. Diese (relativ) unilaterale Vorgehensweise wurde noch in einem anderen Krieg wiederholt: Dem Irakkrieg 2003. Im Film lässt sich McNamara auch zu der Aussage hinreißen, amerikanische Macht solle nicht für uni-laterale Aktionen verwandt werden. Diese Aussage kann dementsprechend auch als Analogie zum Irakkrieg verstanden werden. Wenn die meisten strategischen Partner zu einer anderen Lageeinschätzung gelangen als die USA, so müssten diese ihre eigene Einschätzung überdenken. Wäre vor dem Einsatz in Vietnam so verfahren worden, hätte es dieses militärische Desaster womöglich nicht gegeben, so McNamara. Da sich die USA weder für den Vietnamfeldzug noch für den Irakkrieg durch multilaterale Mandatierung abgesichert haben, liegt der Vergleich nahe. Dass McNamara diesen Zusammenhang später abstritt, ist dabei völlig nebensächlich. Entscheidend für eine unipolare Welt ist, dass die USA ihre militärische Macht von den Vereinten Nationen kontrollieren lassen. Diese Kontrolle sollte gerade auch dann anerkannt werden, wenn die Interessen nicht übereinstimmen. Das dieses Ziel schwer erreichbar sein wird, liegt nach realistischer Lehrmeinung schon in der anarchischen Struktur des internationalen Systems begründet. Der amtierende US-Präsident zeigt jedoch zumindest Ansätze eines aufgeklärten neoliberalen Institutionalismus in dem Versuch, die Lösung der Probleme der internationalen Beziehungen auf ein multilaterales Fundament zu stellen. Fraglich bleibt leider, wie langlebig diese Versuche sein werden.

Im Ergebnis ist festzustellen, dass das Handeln der US-Regierung während der Kuba-Krise auf neo-realistischen Grundsätzen basierte. In Bezug auf Vietnam kann dagegen auch argumentiert werden, dass die USA grundsätzlich einer realistischen Richtschnur folgten. Doch auch der konstruktivistische Ansatz stellt einen lohnenden Blickwinkel bereit, der das Geschehen in Vietnam im Nachhinein abseits realistischer Erklärungen neue Deutungsmuster bereithält.


[1] Vgl. http://alternativereel.com/includes/articles/display_article.php?id=00004 (Zugriff: 12.02.2010)

18.02.10, TF

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